Reise mit Überraschungen

Es ist eine Geschichte, wie sie unzählige Male in vielen Kulturen und Generationen erzählt und nacherzählt wird: die Heldenreise. Unsere Helden sind 16 Auszubildende der britischen Nuklearforschungsorganisation UKAEA (United Kingdom Atomic Energy Authority). Ihre Aufgabe war es, interaktive Exponate für die geplante Wanderausstellung zum Thema Fusionsenergie, Arbeitstitel "Fusion Expo", bis zum Prototypen zu entwickeln.

Dieser Artikel erschien zuerst in Fusion In Europe, Ausgabe Frühjahr 2019

Das Abenteuer ruft

Die Ausstellung sollte von Anfang an eine pädagogische Komponente enthalten. Mohamed Belhorma, verantwortlich für die Fusion Expo, stellte den Auszubildenden die Aufgabe, den zweiten von insgesamt drei Teilen seines interaktiven, neuartigen Ausstellungskonzeptes zu entwickeln. Die Auszubildenden mussten in drei Bereichen dazulernen: In der Fusionsforschung, in der Wissenschaftskommunikation und im Bereich Ausstellungskonzeption. Zweidrittel des Fachwissens war in-house vorhanden, Exkursionen zu den größten Wissenschaftsmuseen in London und Paris deckten das restliche Drittel ab.

„Zusammenarbeit ist ein wichtiger Aspekt des wissenschaftlichen Alltags“, erklärt John Hill, Ausbildungsleiter bei UKAEA. „An einem so umfangreichen, internationalen Projekt mitzuarbeiten, war ideal für die persönliche und berufliche Entwicklung unserer jungen Mitarbeiter, die ja die nächste Generation von Fusionstechnikern und Ingenieuren sein werden.“

Zwei gewinnt!

Die Konzeption der Exponate erschien zunächst wie eine kaum zu bewältigende Aufgabe. „Das war eine Riesenüberraschung“, sagt Katriya Sabin. „Zu Anfang wussten wir nur, dass wir eine Ausstellung entwerfen sollten! Dabei sahen wir uns selbst doch nur als Auszubildende ... Wie sollten wir das bloß schaffen?!“

Aber geschafft haben sie es. Mohamed Belhorma hatte ihnen wohlweislich den konventionellen Teil der Fusion Expo zugeteilt. Für ihre Aufgabe, die aktuelle Forschung interaktiv zu vermitteln, hatten die Auszubildenden Gelegenheit, Ideen in den größten Wissenschaftsmuseen, so zum Beispiel das Science Museum in London, zu sammeln. Am nützlichsten waren der Workshop und die Führung von Kuratoren und Ausstellungsmachern der Cité des Sciences in Paris. Barrierefreiheit und Gleichstellungsfragen waren zusätzliche Aspekte, die es zu berücksichtigen galt. Die Vorabinformationen waren wichtig, da die Studenten nur ein bis drei Stunden pro Woche für dieses Projekt zur Verfügung hatten“, berichtet Belhorma.

Hindernisse

Mit Hilfe ihrer Mentoren lernten die Auszubildenden schnell, worauf es in der Wissenschaftskommunikation ankommt. Eigene Recherchen rundeten die erste Phase des Projekts ab.  

„Wir waren ziemlich enttäuscht, als wir lernten, wie gering das Wissen über die Fusion ist“, erzählt Katriya Sabin. „Unser Interesse an diesem Themenbereich ist eher die Ausnahme!“ Katriya und ihr Team fragten sich: Wie begeistert man mehr Menschen für Fusionsenergie? Die Auszubildenden recherchierten wie in der Vergangenheit über Fusionsforschung kommuniziert worden war und entwickelten daraus neue Erzählformen für die Ausstellung.

„Ehrlichkeit und Integrität sind die beste Option“, ist Sabin´s Fazit. „‚Die Sonne auf die Erde holen’ oder ‚Ein Stern im Glas’ klingt nach Science-Fiction. Damit assoziieren die Leute Star Trek.  Wir sollten sachlich bleiben: Wir nutzen alte Geräte, sitzen in Kontrollräumen aus den 1970ern und 1980ern, betreiben damit aber hochmoderne Wissenschaft. Um das Vertrauen der Öffentlichkeit zu gewinnen und es den Menschen zu ermöglichen, das Thema Fusion richtig einzuordnen, müssen wir zeigen, dass wir fehlbar sind. Wissenschaftler sind nicht allwissend. Der Weg zu einem Endergebnis ist mit zahlreichen Versuchen und auch Irrtümern gepflastert. Wir machen Fehler, wir denken uns fantastische Sachen aus, aber wir sind nicht perfekt. Wenn wir das wären, wären wir jetzt nicht hier.“

Erkenntnisse

Wissenschaftliche Themen sind nicht einfach zu kommunizieren. Wissenschaftlern fällt es oft schwer, sich untereinander auszutauschen – von externer Kommunikation mit der Öffentlichkeit ganz zu schweigen.

Teamleiterin Katriya Sabin, Alex Tilley sowie den restlichen Auszubildenden des zweiten und dritten Lehrjahres war klar: Sie mussten komplexe wissenschaftliche Zusammenhänge auf eine persönliche Ebene bringen. „Wir müssen das Vorwissen nutzen, das jeder Einzelne bereits hat“, erklärt Sabin. „Und das geht am Besten, indem man eine Geschichte erzählt."

Transfer

Noch überwältigt und unsicher, präsentierten die Auszubildenden ihre neuen Erkenntnisse in die Wissenschaftskommunikation auf der PARI-Konferenz (Public Awareness of Research Infrastructure) im April in Oxfordshire, Großbritannien vor einem Fachpublikum. Ihr Auftritt war ein voller Erfolg. „Sie haben unglaublich schnell gelernt!“ sagt Petra Nieckchen, Leiterin Kommunikation bei EUROfusion. Da das Geschichtenerzählen ein wesentlicher Bestandteil ihres Ausstellungskonzepts ist, verwendeten die Auszubildenden Erzähltechniken auch in ihrer Präsentation. „Das Publikum war mucksmäuschenstill “, erinnert sich Nieckchen. „Niemand wollte das Ende der Geschichte verpassen!“

Der Kommunikationsaspekt des Projekts hat entscheidend dazu beigetragen, dass die Auszubildenden aus sich herausgekommen sind. „Sowohl das Projekt selbst als auch der Weg dahin haben mich sozial und intellektuell weiterentwickelt“, erklärt Katriya Sabin. „Ich würde diese Erfahrung gegen nichts eintauschen wollen. An diesem Projekt teilzunehmen, war die beste Entscheidung, die ich je getroffen habe. Es hat mich offener und selbstbewusster gemacht. “

Bewusst vielseitig

Das Programm der UKAEA bringt Auszubildende, Ingenieurwissenschaften und Fusionsenergie zusammen. Es bietet für jeden etwas – ganz gleich, ob man eher der praktische oder eher der theoretische Typ ist.

„Fusion beschränkt sich nicht nur auf mechanische und elektrische Bereiche“, sagt Katriya Sabin, Auszubildende im dritten Lehrjahr und eine von zwei gewählten Teamleitern für das Fusion Expo-Projekt. „Auch Robotik, Luftsteuerung, radioaktive Gase, Kryotechnik und viele andere Bereiche gehören dazu.“

„Wir müssen das Vorwissen nutzen, das jeder Einzelne bereits hat. Und das geht am besten, indem man eine Geschichte erzählt.“

Katriya Sabin

Die Fusion Expo

Die geplante Wanderausstellung lädt zur aktiven Teilnahme ein. Der Besucher wird informiert und aufgefordert, sich eine persönliche Meinung über die zukünftige Rolle der Fusionsenergie in unserem Energiemix zu bilden. Derzeit wird die Entwicklung des Prototyps abgeschlossen. Bleiben Sie dran und erfahren Sie mehr über die Ausstellung auf diesem Kanal!

Umsetzung

Die Auszubildenden entwickeln derzeit ihre Ideen weiter. Im Sommer werden sie Prototypen einem kritischen Publikum zur Prüfung präsentieren. Sobald die Entwürfe angenommen sind, beginnt die konkrete Umsetzung.

„Fusionsforscher haben noch einige Herausforderungen zu meistern“, erklärt John Hill. „Diese 16 Auszubildenden entwickeln sich gerade zu hochqualifizierten und erfahrenen Mitarbeitern, die mit Herausforderungen umgehen können. Sie sind daher von unschätzbarem Wert für die Fusionsgemeinschaft.“