Worauf warten wir noch?

Bürgerschaftliches Engagement könnte entscheidend beeinflussen, welche wirtschaftliche Rolle und welchen Stellenwert die Fusion einmal in der weltweiten Energieversorgungsstruktur einnehmen wird. Der Physiker José Vicente hat dazu einen Aufsatz verfasst:

Es ist Freitag Abend. Bei einem Empfang der Vereinten Nationen tummelt sich die globale Führungsriege bei Drinks und fliegenden Häppchen. Alles soweit ganz normal, wenn da nicht die Gespräche über Flächenbrände in der Arktis, verheerende Stürme und Flutkatastrophen wären, die aus allen Ecken des Raumes zu hören sind – beängstigende Szenarien des Klimawandels, heraufbeschworen von einer Ansammlung Jugendlicher, die draußen protestieren, um ihre Regierungen und politischen Entscheidungsträger auf der ganzen Welt zum Handeln zu bewegen.

Vereinbarungen zum Klimaschutz gibt es zwar schon länger, doch solange die Energieversorgung weiterhin auf fossile Brennstoffe setzt, wird man gesetzte Klimaziele wohl verfehlen und Absprachen verletzen, um die sich immer weiter entwickelnde Weltbevölkerung mit ihrem unersättlichen Energieverbrauch zu versorgen. Die Jugend, aufgeklärter denn je, wird ihre eigenen Erwartungen ans Leben entwickeln und zurecht weiterhin demonstrieren.

Sobald die Problematik bei Empfängen wie diesem auf den Tisch kommt, werden altbekannte Lösungen wieder aufgewärmt: „Beschränkungen der Nutzung fossiler Brennstoffe”; „strenge CO2-Grenzwerte”; „Nutzung sauberer Energiequellen”; vor dieser Kulisse aus lebhaften Diskussionen und Gläserklirren wird auch irgendwann der Begriff „Kernfusion“ fallen.

Das ist der Augenblick, in dem der Fokus auf uns – die Gemeinschaft der Fusionsforscher – gerichtet wird und wir etwas peinlich berührt sind, weil wir weniger an die Verheißungen der Fusion denken, sondern vielmehr an die Herausforderungen, die noch bewältigt werden müssen, bis wir Energie aus Kernfusion gewinnen werden. Wir sind fest entschlossen, das bislang ungelöste Puzzle zu knacken, das uns die Urväter der Fusionsforschung – Igor Tamm, Andrei Sakarow und deren Nachfolger – hinterlassen haben. Die Verheißung einer nachhaltigen Energiequelle ist zwar unsere übergeordnete Motivation, aber unser Fokus liegt auf den spezifischen Problemen, die wir jeweils individuell lösen müssen.

Andererseits wird die Fusionsforschung als Teil der weltweiten Energieversorgungsstruktur der Zukunft unweigerlich an weitere Grenzen stoßen, und zwar nicht nur im Forschungslabor und an den Versuchsanlagen. Wie entscheidend wird die Fusion zur Grundlaststromversorgung beitragen, wenn sie irgendwann einmal Teil eines Energiemixes sein wird? Das wird man erst sagen können, sobald die Technologie im Einsatz ist und man ihren Nutzen gegen die anfänglichen Investitionskosten abwägen kann. Doch auch andere Faktoren, wie zum Beispiel strenge Kohlendioxid-Grenzwerte, die dann vielleicht gelten – falls die Ausbeutung natürlicher Ressourcen bis dahin noch keine Konsequenzen hatte –, könnten dazu beitragen, dass sich die Technologie besser auf dem Markt durchsetzen wird.

Unter dem Strich wird wohl globales Engagement und ein ausgeprägtes ökologisches Bewusstsein dazu beitragen, dass die Stromerzeugung durch Kernfusion zur Marktreife kommt und Fusionsstrom einen entscheidenden Beitrag leisten wird.

Also legen Sie das Besteck beiseite, stellen Sie das Champagnerglas ab, halten Sie einen Moment inne und hören Sie Ihren Kindern zu, die da draußen eines der größten Probleme bekämpfen, vor denen die Fusion steht.

Globales Engagement und ausgeprägtes Umweltbewusstsein werden die Entwicklung und Verbreitung von Fusionsstrom begünstigen.